Handwerksberufe sind das Rückgrat unserer Gesellschaft – doch ihr Stellenwert gerät ins Wanken. Helena von Allmen und Moritz Messer, Vorstandsmitglieder von einrichtenschweiz, plädieren für mehr Wertschätzung, eine zukunftsfähige Ausbildung und ein besseres Verständnis für die Arbeit, die hinter hochwertiger Einrichtung steckt.
Wie sind Sie zur Tätigkeit Raumausstatter gekommen, und was begeistert Sie bis heute an diesem Beruf?
Helena von Allmen: Schon als Jugendliche habe ich gemerkt, dass ich kreativ bin und gern mit meinen Händen arbeite. Ich habe viel gezeichnet, gemalt und immer wieder nach neuen Möglichkeiten gesucht, mein Zimmer umzugestalten und zu optimieren. Auch im Floristikbetrieb meiner Mutter konnte ich diese handwerkliche Seite ausleben und feststellen, dass mir praktische Arbeit liegt. Später schnupperte ich bei einem Innendekorateur im Dorf. Die Vielfalt des Berufs hat mich von Anfang an fasziniert. Ich bekam die Lehrstelle und bin seither glücklich in diesem Beruf.
Moritz Messer: Ich habe eine Schreinerlehre absolviert und nie direkt als Raumausstatter gearbeitet. Fähigkeiten wie technisches Zeichnen und räumliches Vorstellungsvermögen, die ich während meiner Ausbildung erworben habe, erweisen sich gerade in der Kundenberatung als äusserst wertvoll.
Welche Wünsche und Bedürfnisse bringen die Kunden heute besonders oft mit?
Messer: Viele Kunden nehmen es sehr genau. Sie wollen alles im Detail erklärt haben und sehen jedes Staubkorn. Gleichzeitig legen viele Wert auf zusätzliche Serviceleistungen: Wir liefern zum Beispiel Matratzen nach Hause, sodass die Kunden eine Woche lang probeschlafen können.
von Allmen: Dem kann ich mich nur anschliessen. Die Ansprüche sind hoch – und das ist gut. Denn durch Qualität und persönliche Betreuung können wir uns von Marktteilnehmern unterscheiden. Für viele meiner Kunden ist der Rundum-Service wichtig, ebenso wie individuelle, persönliche Lösungen. Ich habe einen kleinen Betrieb, und oft kommen Leute zu mir, weil sie sich im grossen Angebot auf dem Markt überfordert fühlen. Ich organisiere, produziere und liefere alles, was sie brauchen.
Wie hat sich das Verständnis von Wohnen und Einrichten über die Jahre und Jahrzehnte verändert?
Messer: Einer unserer langjährigen Mitarbeiter hat mir neulich erzählt, wie er früher an der HESO komplette Einrichtungen verkaufen konnte. Die Kunden waren froh, wenn sie die Ware ein Jahr später erhielten. Heute ist das unvorstellbar. Erstens erwarten viele Kunden, dass Möbel sofort lieferbar sind. Zweitens verkaufen wir keine ganzen Aussteuern mehr. Heute sind Paare, die zusammenziehen, lebenserfahren und besitzen bereits hochwertige Möbel. Teil unserer Beratung ist es daher, diese Möbelstücke sinnvoll in ein Gesamtkonzept zu integrieren. Gleichzeitig gibt es positive Entwicklungen: Die Menschen sind heute eher bereit, in hochwertige und nachhaltige Produkte zu investieren oder von Anfang an einen Innenarchitekten hinzuzuziehen. Wir sind gut mit den Innenarchitekten der Region vernetzt, sodass wir auch von ihnen Aufträge erhalten.
von Allmen: Kunden möchten ihre Einrichtung tatsächlich rasch erhalten, sie erwarten eine schnelle Umsetzung ihres Auftrags. Gleichzeitig dauert der Entscheidungsprozess oft mehrere Monate. Bei Handelsware ab Stange sind die Kunden zudem sehr preissensibel geworden. Sie informieren sich vorab im Internet über günstigere Anbieter. Das Handwerk des Raumausstatters hat sich hingegen nicht verändert.
Wo sehen Sie aktuell die grössten Herausforderungen in Ihrer Arbeit – sei es bei Budgets oder Materialien?
Messer: Das Onlinebusiness wird sicher noch zunehmen, aber es wird an Grenzen stossen. Waren, die schwer zu handhaben sind, haben meiner Meinung nach kein grosses Wachstumspotenzial. Sofas und andere grossvolumige, schwere Stücke werden weiterhin über Detailhändler vor Ort ausgeliefert werden. Anders sieht es bei versandfähigen Produkten aus, wie Tischleuchten oder Bettwäsche. Bei ihnen dürfte sich der Online-Anteil noch deutlich steigern.
von Allmen: Man muss die Kunden auch auf der emotionalen Ebene abholen können. An den SwissSkills wurde ich mehrfach auf unsere teure Ware angesprochen. Ich konnte den Besuchern erklären, dass wir in der Schweiz arbeiten und hochwertige Materialien verwenden. Ich vergleiche das immer mit einem günstigen Wohnzimmerstuhl. Bei dem blättert nach wenigen Jahren das Kunstleder ab. Ein hochwertiger Stuhl kostet zwar drei- bis fünfmal mehr, hält dafür aber sehr lange. Wenn man ihn beim Dekorateur polstern lässt, kann man ausserdem die Materialien auswählen und dem Stuhl eine persönliche Note verleihen. Unter dem Strich ist der vermeintlich günstige Stuhl teurer, weil er oft ersetzt werden muss. Das Verständnis dafür fehlt zuweilen. Zudem wissen viele Kunden gar nicht, wie aufwendig es ist, ein Möbelstück zu produzieren.
Messer: Wir arbeiten in einer Branche, die sehr ressourcenintensiv ist. Deshalb muss man sicherstellen, dass Möbelstücke richtig produziert werden und Jahrzehnte halten. Dann ist der Preis mehr als gerechtfertigt, und wir brauchen uns dafür nicht zu rechtfertigen. Einmal gekauft, ein Leben lang genutzt: Das ist nachhaltig, alles andere ist «Pipifax».
von Allmen: Ein weiterer Aspekt sind die langen Lieferfristen von Stoffen. Wenn die erste Produktion aufgebraucht ist, prüft der Lieferant, ob er überhaupt nachproduziert. Bis vor Kurzem war das kein Problem, weil die Lager voll waren. Heute achten die Produzenten angesichts der weltweiten Lage darauf, dass ihre Lager leer sind, weil sie auf diese Weise Kosten sparen können.
Viele Betriebe kämpfen damit, genügend qualifizierte Mitarbeitende oder Lernende zu finden. Wie erleben Sie diese Situation in Ihrem Unternehmen?
von Allmen: Das Problem zeigt sich auf mehreren Ebenen. Einerseits gibt es zu wenig Lehrstellen. Viele Raumausstatterbetriebe geben altershalber auf, und Jüngere zögern, Lernende auszubilden, weil es aufwendig ist und sie sich möglicherweise in ihrer Freiheit eingeschränkt fühlen. Als Verband unterstützen wir deshalb Betriebe, die gemeinsam Lernende ausbilden möchten. Andererseits mangelt es auch an der Flexibilität der Jugendlichen: Viele wollen ihre Lehre unbedingt in der Nähe ihres Wohnortes absolvieren. Hinzu kommt ein gesellschaftliches Problem: In den Schulen und teils auch von den Eltern wird der Weg ans Gymnasium stark propagiert. Eine Lehre, insbesondere mit Sek-B- oder Realschulabschluss, gilt als weniger wertvoll. Das Verständnis und die Wertschätzung für die Berufslehre fehlen zunehmend. Diese Haltung trägt wesentlich zum Fachkräftemangel bei – und das betrifft nicht nur unsere Branche.
Messer: Das kann ich bestätigen. Es ist schwierig, gute und zuverlässige Mitarbeitende oder Lernende zu finden. Wir bilden Bodenleger aus, aber das Interesse dafür ist gering. Viele junge Menschen wollen oder können nicht mehr handwerklich arbeiten. Diese Entwicklung führt dazu, dass in unserer Gesellschaft das Verständnis dafür, wie viel Handarbeit und Denkleistung in der Herstellung eines hochwertigen Möbels steckt, zunehmend schwindet. Das Problem ist nicht nur gesellschaftlich, sondern auch bildungspolitisch.
Welche Rolle spielen Nachhaltigkeit, Langlebigkeit und bewusster Konsum in Ihren Projekten?
von Allmen: Im Vordergrund steht für die Kunden in erster Linie, dass ihnen ein Produkt gefällt. Zunehmend wird aber auch gefragt, woher Stoffe und Materialien stammen. Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit wächst, ist aber noch längst nicht flächendeckend vorhanden. Wir müssen weiterhin viel Aufklärungsarbeit leisten. Grundsätzlich ist unser Handwerk jedoch per se nachhaltig: Wenn jemand einen alten Stuhl zu mir bringt, um ihn neu polstern zu lassen, verlängert er dessen Lebensdauer. Oft handelt es sich sogar um ein Stück mit Familiengeschichte. Viele Kunden sagen mir ausdrücklich: «Wir wollen den Stuhl nicht wegwerfen.» Das zeigt, dass ein Umdenken im Gange ist.
Messer: Ich sehe das ähnlich. Für die meisten Kunden ist Nachhaltigkeit ein Nice-to-have und kein zentrales Kaufargument. Sie wählen, was ihnen gefällt – und freuen sich, wenn es obendrein nachhaltig ist. Bei der öffentlichen Hand ist das anders, dort gelten klare Vorgaben. Doch was heisst überhaupt Nachhaltigkeit in unserer Branche? Für uns ist dies vor allem die Nutzungsdauer: Wie lange hält ein Produkt von der Auslieferung bis zum Ende seines Lebenszyklus? Dass Nachhaltigkeit vielfach mit Naturmaterialien gleichgesetzt wird, halte ich hingegen für falsch. Erfreulich ist, dass vor allem die jüngere Generation sehr viel bewusster einkauft und gezielt nachfragt: Woher kommt der Parkettboden? Ist Linoleum eine gute Wahl? Diese Entwicklung stimmt mich zuversichtlich.
Sie engagieren sich im Vorstand von einrichtenschweiz. Welche Anliegen der Raumausstatter bringen Sie dort besonders ein?
von Allmen: Im Vorstand haben wir alle unsere spezifischen Aufgabenbereiche. Ich engagiere mich seit 13 Jahren im Bereich Grund- und Weiterbildung der Raumausstatter. Derzeit arbeiten wir intensiv an der Revision des Berufsbildes, bei der die Berufe Raumausstatter/in EFZ, Wohntextilgestalter/in EFZ und Industriepolsterer/in EFZ zusammengelegt werden. Ziel ist es, diese Ausbildung marktgerecht, zukunftsfähig und attraktiv für Jugendliche zu gestalten. Nach einem Jahr intensiver Arbeit sind wir auf einem guten Weg, diesen Beruf neu zu positionieren.
Messer: Ich bin relativ neu im Vorstand und froh, dass mein Verantwortungsbereich etwas kleiner ausfällt als der von Helena. Mein Anliegen ist es, den Fokus auf das Gewerbe nicht zu verlieren. Wir Mitglieder sind alles KMU-Betriebe mit ähnlichen Herausforderungen, und dieser gemeinsame Nenner soll im Verband spürbar bleiben. Zudem bin ich in der Arbeitsgruppe tätig, die sich mit der Umlegung der Pensionskasse beschäftigt.
Wie profitieren Sie vom Austausch mit Möbelherstellern und -händlern innerhalb des Verbands?
Messer: Der Austausch ist enorm wichtig. Hersteller, Händler und Raumausstatter müssen näher zusammenrücken. Im Verband kommen Einrichtungsbetriebe und Produzenten unterschiedlicher Grösse an einen Tisch. Genau so entsteht gegenseitiges Verständnis für die unterschiedlichen Aufgaben und Herausforderungen. Davon profitieren alle Beteiligten.
von Allmen: Ich sehe das genauso. Man kann es sich vorstellen wie in einer Weiterbildung: Der eigentliche Lernstoff ist das eine, aber der Austausch mit Menschen aus anderen Bereichen ist genauso wertvoll. Man lernt voneinander und wächst gemeinsam. Bei der Revision des Berufsbildes der Raumausstatter wurde das besonders deutlich. Zu Beginn dachte jeder an seinen eigenen Teilbereich, doch im Dialog erkannten wir das grössere Ganze. Das ist extrem bereichernd.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Raumausstattung in der Schweiz?
Messer: Ich wünsche mir, dass die Zahl der Lernenden wieder steigt – und dass in Politik und Gesellschaft das Bewusstsein dafür wächst, welchen Beitrag Handwerksberufe wie Raumausstatter, Möbelhändler, Schreiner, Zimmerleute oder Köche leisten. Diese Berufe sind das Fundament unserer Gesellschaft. Das Gleichgewicht zwischen jenen, die planen, und jenen, die umsetzen, gerät zunehmend ins Wanken. Mein Appell an die Politik lautet deshalb: Handelt jetzt! Es bringt nichts, wenn Jugendliche ins Gymnasium gedrängt werden, nur um dann festzustellen, dass es nicht der richtige Weg war. Eine solide Berufslehre wäre für viele die bessere und erfüllendere Wahl.
von Allmen: Für mich steht die Wertschätzung im Vordergrund – für unser Handwerk, unsere Qualität, unsere Schweizer Arbeit und für die Menschen, die dahinterstecken. Entscheidend ist, dass wir einander mit Respekt begegnen, unabhängig davon, welche Ausbildung wir haben.
